Bundesverdienstkreuz für Dr. Christian Buhmann

"Die größte Herausforderung für unsere Zeit? Das Zusammenleben von Christen und Muslimen"

Wir gratulieren Dr. Christian Buhmann ganz herzlich zur Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz. Oberbürgermeister Stefan Schostok hat ihm die Auszeichnung am Freitag im Neuen Rathaus überreicht. Als Gründer der Dr. Buhmann Stiftung für Interreligiöse Verständigung hat Christian Buhmann zahlreiche Projekte in Hannover, aber auch bundesweit und international möglich gemacht. Jedes Jahr im Ramadan laden Muslime hunderte Nachbarinnen und Nachbarn mit Unterstützung der Stiftung zum Fastenbrechen auf dem Georgsplatz ein.
 
Ohne die Förderung der Dr. Buhmann Stiftung hätten wir unser Buch Religionen in Hannover nicht veröffentlichen können. Sie hat unsere Reihen "Bibel und Qur'an im Dialog" und "Tora und Qur'an gemeinsam lesen" unterstützt und ermöglicht es Schulklassen, deren Klassenkasse das nicht hergibt, unser Haus zu besuchen.
 
Im Interview erklären Dr. Christian Buhmann und Friedrich Wilhelm Busse, der Geschäftsführer der Dr. Buhmann Stiftung, was sie antreibt und wie sie den Dialog der Religionen erleben.
 

Herr Dr. Buhmann, seit Ihrem Ausscheiden als Geschäftsführer der Dr. Buhmann Schule haben Sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Dialog der Religionen zu fördern. Warum tun Sie das?

Dr. Christian Buhmann: Ich habe mein Leben lang erfahren, wie ein friedliches Miteinander und ein besseres Verständnis uns das Leben erleichtern - im Privatleben wie im Beruf. Ich bin Jahrgang 1936. Das heißt, ich habe den Zweiten Weltkrieg noch bewusst erlebt, als Menschen einander getötet haben, nur weil sie verschiedenen Völkern angehörten. Später habe ich in Geografie promoviert. Ich habe in Südamerika geforscht und mich mit vielen lateinamerikanischen Menschen angefreundet und sie liebgewonnen – darunter auch meine erste Frau, die ich an der Uni Hamburg kennen lernte. Meine Familie ist recht international. Die Dr. Buhmann Schule, die zuvor eine reine Handelsschule war, habe ich um die Europa Fachakademie erweitert. Die größte Herausforderung für unsere Zeit sehe ich im Zusammenleben von Christen und Muslimen. Deswegen liegt hier der Schwerpunkt in der Arbeit der Dr. Buhmann Stiftung für interreligiöse Verständigung.

Sie haben die Dr. Buhmann Stiftung 2002 als Stiftung für christlich-muslimische Verständigung gegründet, ein Jahr nach dem 11. September 2001. Waren die Terroranschläge ein Anlass für Sie?

Dr. Christian Buhmann: Nein, die Idee ist schon vorher entstanden. Ich bin mit 65 Jahren aus der Geschäftsführung der Dr. Buhmann Schule ausgeschieden und habe nach einer neuen Aufgabe gesucht, in die ich meine Arbeitskraft und einen Teil meines Vermögens einbringen kann. Nach dem 11. September sind die Hürden für den Dialog von Christen und Muslimen natürlich höher geworden. Von Muslimen habe ich viel Zustimmung erhalten. Ich bekam den Tipp, auch mit Hamideh Mohagheghi über mein Vorhaben zu sprechen. Sie war sofort aufgeschlossen für das Projekt und ist bis heute als zweite Vorsitzende im Vorstand der Stiftung aktiv.

Seit 2012 fördern Sie nicht nur den Dialog zwischen Muslimen und Christen, sondern zwischen allen Religionen. Was war der Auslöser?

Dr. Christian Buhmann: Das ist möglich geworden, weil das Stiftungsvermögen beträchtlich angewachsen ist. Ich habe der Stiftung das Haus in der Prinzenstraße 13 übertragen. Die Dr. Buhmann Schule zahlt jetzt Miete an die Stiftung. Durch die Zustiftung können wir seit 2013 auch jedes Jahr die „Lange Nacht der Begegnung“ möglich machen: Auf dem Georgsplatz laden Muslime an zwei Abenden im Ramadan zum Fastenbrechen ein.

Das Ramadan-Zelt auf dem Georgsplatz ist zu einer Institution in Hannover geworden. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Friedrich-Wilhelm Busse: Am Anfang haben wir für einhundert Gäste geplant. Heute sind es an jedem Abend vierhundert Menschen. Und wir könnten noch hundert Interessierte mehr unterbringen, wenn wir den Platz hätten. Aber zu dem Veranstaltungsort gibt es für uns keine Alternative: Das Fastenbrechen findet im bürgerlichen Herzen der Stadt statt. Jedes Jahr bedienen rund dreißig muslimische Jugendliche aus bis zu acht Nationen die Gäste ehrenamtlich. Es ist ein Nebeneffekt, dass hier Muslime jeglicher Richtung zusammenkommen. Afghanische Schiiten und türkische Sunniten haben jeweils ihre eigenen Moscheen und begegnen sich im Alltag sonst kaum.

Wie kommt es dazu, dass Sunniten und Schiiten im Ramadan-Zelt zusammenarbeiten?

Friedrich-Wilhelm Busse: Bei uns funktioniert das, weil wir ein neutraler Veranstalter sind. Im Organisationsteam engagieren sich Angehörige verschiedener Konfessionen - aber nicht als Vertreter ihrer Gemeinden. Jeder steht für sich selbst. Das meinen wir mit dem Wahlspruch: „Muslime laden ein“. Eine Vertreterin oder ein Vertreter der jüdischen Gemeinden ist auch immer mit einem Grußwort dabei. Das finde ich ein eindrucksvolles Zeichen, dass die Muslime an ihrem eigenen religiösen Fest auch christlichen und jüdischen Beiträgen großen Beifall spenden.

Wie engagieren Sie sich im Haus der Religionen?

Dr. Christian Buhmann: Die Ortsgruppe der World Conference of Religions for Peace war schon vor der Gründung der Dr. Buhmann Stiftung in Hannover aktiv. Ich habe das Engagement von Ali Faridi, Ernst-Wolf Kleinwächter und vielen anderen mit großem Interesse begleitet und bin von Anfang an Mitglied im Forum der Religionen.

Friedrich-Wilhelm Busse: Wir haben einen Fonds für Schulklassen, die das Haus der Religionen besuchen möchten, aber den Spendenbeitrag nicht aufbringen können. Es soll nicht am Geld scheitern, dass sich Kinder über die Vielfalt der Religionen informieren können. Die Reihe „Bibel und Koran im Dialog“ haben wir unterstützt und fördern jetzt das Nachfolgeprojekt „Tora und Qur’an gemeinsam lesen“. Das größte Projekt, bei dem wir mit dem Haus der Religionen zusammenarbeiten, ist das Buch "Religionen in Hannover".

2002 haben Sie Pionierarbeit geleistet. Mittlerweile gibt es viele Initiativen, die einen interreligiösen Dialog von Einheimischen und Zugewanderten anstoßen. Wie haben sich die Anfragen, die an Sie gestellt werden, mit der Zeit verändert?

Dr. Christian Buhmann: Bis vor ein paar Jahren kamen die Anträge ausschließlich aus der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft. Heute engagieren sich viele junge Muslime. Die Initiativen kommen oft nicht aus den bestehenden Gemeinden, sondern von Einzelpersonen, die sich für ein Projekt zusammenschließen.

Friedrich-Wilhelm Busse: Insgesamt sind die Anträge mehr und qualifizierter geworden. Das Ramadan-Zelt hat inzwischen in Darmstadt und Karlsruhe Schule gemacht. Wir fördern bundesweite und sogar internationale Projekte, zum Beispiel einen Schüleraustausch mit Tunesien oder eine interreligiöse Baumpflanz-Aktion im Senegal. Aber die kleinen, ehrenamtlichen Initiativen sind uns nach wie vor besonders sympathisch.

Dr. Christian Buhmann: Meine Frau und ich leben abwechselnd in Sachsen und in Hannover. In Sachsen gibt es weniger Muslime und deshalb weniger Begegnungen mit ihnen, aber mehr Vorbehalte in der Mehrheitsgesellschaft. Deswegen unterstützt die Stiftung dort mehrere Projekte zur interreligiösen Bildung. In einem Projekt werden Workshops zu religiöser Vielfalt in Schulen veranstaltet. In einem anderen besuchen zugewanderte Musiker traditionelle deutsche Musikvereine auf dem Land. In der Musik finden sie eine Sprache, die sie verbindet.

Was ist Ihre Hoffnung?

Friedrich-Wilhelm Busse: Ich hoffe, dass sich noch mehr junge Muslime gesellschaftlich engagieren, weil sie sich mit Deutschland identifizieren.

Dr. Christian Buhmann: Mein Wunsch ist, dass sich das Zusammenleben der Religionen stärker normalisiert. Der Anteil der Muslime in unserer Gesellschaft wird weiter steigen. Die Probleme und die Widerstände nehmen zu - aber auch die Bereitschaft, die Probleme anzufassen.

Dr. Christian Buhmann, geboren 1936, ist Diplom-Handelslehrer. Er leitete die von seinem Großvater gegründete Dr. Buhmann Schule in Hannover seit 1967 zunächst als Schulleiter, später als Geschäftsführer. Dieberufsbildende Einrichtung mit verschiedenen Schulformen in Wirtschaft, Sprachen, Informatik, Gestaltung und Tourismus erweiterte er 1993 um die Europa Fachakademie Dr. Buhmann, einer Einrichtung für international orientierte Aus- und Fortbildungen. 2002 gründete er die Dr. Buhmann Stiftung für christlich-muslimische Verständigung, die 2012 in Dr. Buhmann Stiftung für interreligiöse Verständigung umbenannt wurde.
 

Das Interview stammt aus dem Buch "Religionen in Hannover", hg.v. Rat der Religionen, Hannover 2016.