Jüdische Texte
Hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen,
mahne, ermahne deinen Volksgesellen,
daß du nicht Sünde seinethalb tragest.
Heimzahle nicht und grolle nicht den Söhnen deines Volkes.
Halte lieb deinen Genossen,
dir gleich.
Ich bins.
Die Schrift, Leviticus (3. Mose) 19,17–18
(Übersetzung Buber/Rosenzweig)
Wenn ein Gastsasse [= Fremder] bei dir in eurem Lande gastet,
plackt ihn nicht,
wie ein Sproß von euch sei euch der Gastsasse, der bei euch gastet,
halte lieb ihn, dir gleich,
denn Gastsassen wart ihr im Land Ägypten.
Ich bin euer Gott.
Die Schrift, Leviticus (3. Mose) 19,33–34
(Übersetzung Buber/Rosenzweig)
Abermals ereignete es sich, dass ein Nichtjude vor Hillel trat und zu ihm sprach: Mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuß stehe. Da sprach Hillel zu ihm: Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh’ und lerne sie.
Ausspruch des Hillel, Babylonischer Talmud, Schabat 31a
Das Wort aus dem dritten Buch Mosis …, das gemeinhin übersetzt wird: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘, bedeutet in der ganzen Treue des Sinnes: ‚Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.‘ In diesem ‚wie du‘ liegt der ganze Gehalt des Satzes. Der Begriff Mitmensch ist darin gegeben: Er ist wie du, er ist im Eigentlichen dir gleich, du und er sind als Menschen eins.
Leo Baeck, Das Wesen des Judentums (4. Aufl. 1926)
Höre Israel:
Er unser Gott, Er Einer!
Liebe denn
Ihn deinen Gott
mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht.
Es seien diese Reden, die ich heuttags dir gebiete, auf deinem Herzen,
einschärfe sie deinen Söhnen,
rede davon,
wann du sitzest in deinem Haus und wann du gehst auf den Weg,
wann du dich legst und wann du dich erhebst,
knote sie zu einem Zeichen an deine Hand,
sie seien zu Gebind zwischen deinen Augen,
schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und in deine Tore!
Die Schrift, Deuteronomium (5. Mose) 6,4–9
(Übersetzung Buber/Rosenzweig)
Gott, der Erschaffer der Menschheit, hatte mit der gesamten Menschheit einen Bund geschlossen, sich dann aber einem Volk zugewandt und ihm befohlen, anders zu sein, um die Menschheit zu lehren, Raum für Verschiedenheit zu schaffen. Gott lässt sich zuweilen in anderen Menschen finden, und zwar solchen, die nicht so sind wie wir. Beim biblischen Monotheismus handelt es sich nicht um die Vorstellung, es gebe nur einen Gott und folglich nur ein Eingangstor zu Seiner Gegenwart. Im Gegenteil: Es ist die Vorstellung, dass sich die Einheit Gottes in den verschiedenen Formen der Schöpfung finden lasse.
Jonathan Sacks, Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können, Gütersloh 2007
