Humanisten in Hannover: Geschichte und Gegenwart

1847 gründete sich die erste „Freireligiöse Gemeinde“ in Hannover. Nach dem 2. Weltkrieg streiften die Humanisten das religiöse Etikett ab. Sie vertreten konfessionslose Bürger und gestalten Lebensereignisse wie die Jugendfeier mit ihnen.

Gedenken am 10. Jahrestag des 11. September 2001: Humanisten, Christen und Muslime erinnern gemeinsam. Foto: HdR„Manchmal werde ich als Kuschel-Atheist bezeichnet“, sagt Jürgen Steinecke, und sein Lachen lässt ahnen, dass diese Stichelei den Geschäftsführer des Humanistischen Verbandes Niedersachsen ziemlich kalt lässt. Er selbst würde sich nicht Atheist nennen – anders als viele andere Mitglieder des Humanistischen Verbandes. „Ich bin nicht gegen, sondern für etwas: für die Werte der Humanität, die Gedanken der Aufklärung, für gesellschaftliche Verantwortung, die keine religiöse Begründung braucht.“ Der Humanistische Verband Niedersachsen ist als „freie Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft“ anerkannt. 1970 hat er einen Staatsvertrag mit dem Land geschlossen. Aus diesem Selbstverständnis heraus engagiert sich Jürgen Steinecke im Forum der Religionen, Seite an Seite mit den Gläubigen der verschiedenen Religionsgemeinschaften. „Es ist nicht meine Aufgabe, die Kirchen zu beschädigen oder Gläubige zu verunglimpfen, sondern die Interessen religionsfreier Menschen zu vertreten“, sagt der diplomierte Sozialpädagoge. Was er den Mitgliedern darüber hinaus bieten möchte: „Wärme und Lagerfeuer jenseits des Vaterunsers“.

1847 gründete sich die erste „Freireligiöse Gemeinde“ in Hannover. In dieser Tradition ist es durchaus mit einer humanistischen Weltanschauung vereinbar, an einen Gott zu glauben. Doch wollen sich die Freireligiösen kein Bekenntnis vorschreiben lassen. Daher heißt es in einem immer noch viel zitierten Leitspruch: „Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube.“ 1886 lässt sich die erste Jugendweihe in Hannover nachweisen: ein gemeinschaftliches Ritual des Erwachsenwerdens, das seit 1988 „Jugendfeier“ heißt.

"Aktiv für mehr Vernunft": Demonstration von Mitgliedern des Humanistischen Verbandes. Foto: HVNAufgelöst unter den Nationalsozialisten

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden die Verbände gleichgeschaltet. „Zur Abwehr staatsfeindlicher Umtriebe und zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit ist daher die Auflösung ... zum Schutz von Volk und Staat geboten“, heißt es im Erlass des damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring von 1934. Das Vermögen der Gemeinde wurde beschlagnahmt. Doch direkt nach dem Krieg gründet sich die Freireligiöse Gemeinde neu. Das Bestreben, das religiöse Etikett abzustreifen und sich „Freigeistige Gemeinschaft“ zu nennen, unterstützt die britische Militärverwaltung jedoch nicht.

Das Grundstück zwischen Lange Laube und Königsworther Platz, wo der Verband bis heute anzutreffen ist, erhielt er von der Stadt als Entschädigung für die Enteignung durch die Nationalsozialisten. „Die Auflage war damals, in dem Gebäude etwas für die Jugend zu tun“, erzählt Jürgen Steinecke. „Unsere Vorgänger fanden ein Studentenwohnheim zeitgemäß.“ Studierende aus aller Welt nutzen seit 1962 das Haus Humanitas als hochschulnahe Unterkunft.

Sie sind für uns der Pfarrer.

Der Staatsvertrag von 1970 stellte den Humanistischen Verband praktisch gleich mit den Kirchen. „Wir bekamen das Recht, religionskundlichen Unterricht anzubieten“, erklärt Jürgen Steinecke. „Aber als das Fach „Werte und Normen“ an weiterführenden Schulen eingeführt wurde, haben wir darauf verzichtet.“ An Grundschulen allerdings gibt es kein Alternativfach zum Religionsunterricht. Wenn ausreichend Eltern einer Schule mit diesem Bedarf an den Humanistischen Verband Niedersachsen herantreten, wird Jürgen Steinecke aktiv. Bisher jedoch ist an keiner Grundschule eine solche Unterrichtsalternative umgesetzt.

Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube, ist bis heute ein Wahlspruch der Humanisten. Bild: Humanistischer VerbandLebensereignisse außerhalb der Religionen feiern

Der Staatsvertrag bringt auch finanzielle Zuschüsse für den Verband mit sich. Sie machten es möglich, eine hauptamtliche Geschäftsstelle zu schaffen und einen Jugendreferenten anzustellen. Der Humanistische Verband Niedersachsen betreibt drei Kindertagesstätten in Hannover-Misburg, Garbsen und Braunschweig.  Er bietet Namens- und Jugendfeiern, Trauungen und Trauerfeiern an: Eine Alternative für Menschen, die wichtige Lebensereignisse außerhalb der Religionsgemeinschaften feiern möchten. Einige Familien trifft Jürgen Steinecke auf diese Weise immer wieder an entscheidenden Punkten im Leben. „Sie sind für uns der Pfarrer“, hat ihm mal jemand gesagt.

Durch eine Presseanfrage, erzählt er, ist er auf das Forum der Religionen aufmerksam geworden. „Eigentlich gehören wir dazu“, waren er und der Journalist sich damals einig. Er möchte als besonnene Stimme und, wenn nötig, auch vermittelnde Stimme wahrgenommen werden. Die Abstimmung der Forumsmitglieder, ob man den Humanistischen Verband aufnehmen wolle, verlief nicht einstimmig, das verschweigt Jürgen Steinecke nicht. Bei kritischen Nachfragen fällt ihm aber noch eine Gemeinsamkeit mit den Religionen ein: „Auch unsere Leute haben für ihre Überzeugungen im KZ gesessen.“

Der Text stammt aus dem Buch "Religionen in Hannover", hg.v. Rat der Religionen, Hannover 2016.

Zuletzt geändert: 18.03.2017 - 16:10